„Erforsche mich …“

„Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne, wie ich’s meine. Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege“ (Ps 139,23f.). Das prüfende Gebet ist so eine Art Rundgang durch uns selbst. Eine Bestandsaufnahme von dem, was in uns jeweils so an Dunklem und Abgründigem schlummert.


Dabei ist es wichtig, dass wir diesen Rundgang nicht etwa alleine, sondern ganz bewusst an der Hand Gottes machen. Denn entweder fangen wir sonst an, uns selbst zu entschuldigen (indem wir tausend Gründe und andere Schuldige für unser Verhalten finden). Oder wir beginnen, uns selbst zu rechtfertigen („Gegen Herrn X oder Frau Y bin ich echt ein Waisenknabe!“). Oder wir beginnen, uns zu verachten, vielleicht sogar zu hassen.

Wenn wir dagegen mit Gott an unserer Seite diesen prüfenden Rundgang durch uns selbst wagen, dann sieht das anders aus. Anstatt uns sofort zu verteidigen und verächtlich auf andere zu zeigen, hören wir Gott erst einmal zu und halten aus, was Gott uns zeigen will. Wir lassen uns von Gott unsere hässliche Ichsucht zeigen, betrachten erschüttert unsere Bequemlichkeit, erschrecken zusammen mit Gott über unsere Hartherzigkeit und stolpern schmerzhaft über unseren Geiz oder unsere Gier oder irgendeine andere Sucht in uns. Wir lassen uns von Gott all die kleinen und großen Fürsten zeigen, die über bestimmte gottesfreie Gebiete in uns herrschen und die es Gott so schwer machen, in uns zu wohnen. Warum wir das regelmäßig tun sollten? Zum einen, weil dieses innere Erschrecken, dieses innere Brennen zutiefst heilsam ist. Es ist das, was wir spüren, wenn Gott an uns arbeitet. Gott ist in uns und an uns am Werk, um uns immer mehr in seine wunderschöne Wohnung, in seinen strahlenden Tempel zu verwandeln. Und ein Teil seiner Arbeit sind die Abrissarbeiten an unserem alten Ich.

Zum anderen gilt: Wenn wir als Christen leben wollen, dann bringen wir uns und unser gesamtes Leben Gott und sagen: „Hier, für dich.“ Wir schenken Gott unser Leben, unser gesamtes Leben: nicht nur unsere Stärken, sondern auch unsere Schwächen. Nicht nur unsere Begabungen, sondern auch unsere Gebrochenheit. Nicht nur unsere schönen Seiten, sondern auch unsere dunklen Ecken.